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Tuesday 05 October 2010 - 21:30 by Splitney

Es ist ein zweischneidiges Schwert mit der Anonymität im Netz. Ja klar, in Wahrheit gibt es sie nicht wirklich, weil jeder Traffic irgendwo gelogt wird. Bei den Internet-Providern, auf Webservern privater Unternehmen, bei einem zu Hause. Staatliche Behörden können sich prinzipiell - wenn sie nur wollen - Zugriff auf diese Daten verschaffen.Abgesehen von dieser für viele doch eher beunruhigenden Tatsache kann man im Web aber von anderen Teilnehmern weitgehend unerkannt surfen. Und das auch mit einer verschleierten, erfundenen bzw. falschen Identität. Die meisten der alltäglichen Webservices nehmen keine Identitätsprüfung in Form von Verifikation der angegebenen Personendaten vor, weil es viel zu aufwändig und verlustreich wäre.Für den User ist das normalerweise ein angenehmes Gefühl und gleichfalls auch eine gewisse Voraussetzung, um beispielsweise Sachverhalte zu benennen, die man sich aus verschiedenen Gründen sonst nicht getraut hätte, zu artikulieren. Beispielsweise für Mitarbeiter mancher Unternehmen, Missstände aufzudecken oder als Insider wichtige Informationen von hohem allgemeinen Interesse an die Öffentlichkeit zu bringen.
Es gibt Organisationen, die sich die Aufklärung der Massen durch gezieltes "Leaking" von Storys zur Aufgabe gemacht haben. Die technische Infrastruktur ist dort so eingerichtet, dass man mit ihnen relativ sicher in Verbindung treten kann und der Informantenschutz gewährleistet ist.Ob Identitätslosigkeit von Personen im Netz nun eine gute oder schlechte Sache ist, hängt letzten Endes ganz von der Aktion des jeweiligen Users ab. Ebenso wie dadurch gute, aufklärerische Arbeit geleistet werden kann, wird durch fragwürdige bis kriminelle Absichten auch großer Ärger angerichtet.Nehmen wir als Beispiel mal wieder Twitter. Der Dienst prüft seine Accounts normalerweise nicht auf Echtheit. Heißt, man kann sich ohne Probleme mit falschem oder irreführendem Namen anmelden bzw. vorgeben, eine andere, meist öffentlich bekannte Person oder Institution zu sein. Zahlreiche Nutzer, unter ihnen Medienvertreter fallen immer wieder auf solche Fakes herein. Außer man verifiziert durch persönlichen Kontakt, gibt es keinerlei Möglichkeit, die Wahrhafigkeit des entsprechenden Teilnehmers zu 100 Prozent herauszufinden. Nur werden allzu oft auch grundlegende Recherchemöglichkeiten ausgelassen, aufgrund dessen es allerorten zu fehlerhafter Berichterstattung kommt. Gut gemachte Täuschungen fliegen unter Umständen erst sehr spät oder überhaupt nicht auf. Oft erst, nachdem die wirkliche Person oder Institution dementiert, etwas mit der Sache zu tun zu haben.Ganz erheblicher Schaden kann mit gefaketen Artikeln bei Bewertungsplattformen angerichtet werden. Insbesondere, wenn es dem Betreiber nicht gelingt, solche Missstände konsequent aufzudecken. Nun darf man aber die Frage stellen: Wie soll das überhaupt gehen? Letztendlich kann doch jeder - aus welchem Antrieb auch immer - irgendetwas kommentieren und anmerken. Einerseits gibt es die Meinungsfreiheit, andererseits auch keine Verpflichtung, sich mit den beurteilten Sachverhalten objektiv auseinandergesetzt zu haben. Deshalb versuchen einige Betreiber eine Vertrauenskategorie einzuführen, indem sie ihren Usern eine Art "Trust-Rank" angedeihen lassen. Ein sicherlich sinnvoller, mangels Alternativen aber auch manchmal eher hilfloser Versuch, die Authenzität und Kompetenz der Beurteilungen zu gewährleisten. Wenn solche Optionen nicht ausreichen - was bei öffentlichem Betrieb und Bekanntheit der Website oft genug der Fall ist - kann es sehr kompliziert werden, die Glaubhaftigkeit der Plattform insgesamt überhaupt aufrecht zu erhalten. Persönlich unbekannte User können schreiben, was sie wollen, aus Beweggründen, die im Verborgenen bleiben. Die Konsequenzen reichen von falscher Tatsachenbehauptung über Rufschädigung bis zu versuchter Erpressung der bewerteten Unternehmen. Diese Dinge sind bei den größeren Plattformen mittlerweile an der Tagesordnung und werden im Zuge des sich allgemein verdichtenden kommerziellen Wettbewerbs weiter zunehmen.Verleumderischen Aktionen ist nur schwer beizukommen. Zahlreiche Beschwerden von Opfern, die man in den einschlägigen Foren nachlesen kann, zeugen von dieser Faktenlage. Unternehmen, die auf diese Weise unverschuldet mit ihren Produkten und Dienstleistungen in Verruf geraten, sind ganz auf die Lösungskompetenz des Plattformbetreibers angewiesen und darauf, wie er mit den Einsprüchen der vermeintlich Geschädigten umgeht. Es kommt auch vor, dass der Betreiber selbst in die manipulativen Aktionen verwickelt ist.Genauso kommt es umgekehrt zumeist aus rein kommerziellem Eigeninteresse zu Übertreibungen in die andere Richtung. Durch absichtlich platzierte positive Berichte und Meinungen über die eigenen Produkte und Dienstleistungen wird versucht, sich die Gunst des Verbrauchers zu erschleichen. Die verfälschende Eigenwerbung birgt jedoch ein erhebliches Risiko für das betreffende Unternehmen - mit massivem Imageschaden und Vertrauensverlust, wenn der Coup auffliegt. Denn mutmaßliche künstliche Überhöhungen, sofern einmal auffällig geworden, lassen sich in der Regel relativ eindeutig den Beteiligten im Unternehmen selbst oder seinem direkten Umfeld zurechnen.Letztendlich sind anständige Gewerbetreibende den Vorgängen auf den betreffenden Webplattformen weitgehend schutzlos ausgeliefert. Und die Abhängigkeit wird immer größer, da immer mehr Menschen sich online Auskunft über bestimmte Anbieter einholen und ihre Konsumentscheidungen danach ausrichten. PR-Agenturen, beauftragte Mitarbeiter, Konkurrenten, Käuflinge und euphorische oder frustrierte Konsumenten tun ihr Bestes, um die Beurteilungen in die ein oder andere Richtung zu manipulieren und deren Aussagekraft generell in Frage zu stellen. Es gibt keine wirkliche Lösung für das Problem. In letzter Konsequenz muss die Frage nach der Existenzberechtigung und Sinnhaftigkeit von solchen Diensten schon gestellt werden.Bewertungsportalen gegenüber ist immer ein gesundes Misstrauen angebracht. Das selbe gilt sinngemäß für Blogs, Foren, Kontaktbörsen und alle anderen Social Media Plattformen, mithin überall dort, wo sich Menschen mit geringem Aufwand weitgehend anonym an Kommunikation beteiligen können. Angesichts der sehr einfach wahrzunehmenden Gelegenheiten, durch Faken andere Teilnehmer zu täuschen und für eigene Zwecke Schaden anzurichten, ist es eigentlich erstaunlich, dass Dienste wie Twitter auch ohne Verifikation im Großen und Ganzen trotzdem ganz gut funktionieren. Hierbei hilft der Selbstvermarktungsdrang der User, der ohne eine gewisse Authenzität normalerweise nicht umgesetzt werden kann, sowie auch die aufklärerische Macht der Community, gemeinsam bestimmte Machenschaften zu entlarven. Das Aufkommen des Grundproblems "Identity Theft" lässt sich dadurch freilich nicht stoppen.Von den meisten Menschen wird der Umstand sehr begrüßt, dass man sich beim "Betreten" des Internets nicht ausweisen muss. Vertrauensbildend ist das aber leider nicht. Wenn es um Kommunikationsaspekte geht, insbesondere in weniger familiären Online-Umgebungen, muss man im Zweifelsfall auch dazu sagen: Don't trust everyone!

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